Thoughts Become Things

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Abusus non tollit usum: Die Champagnerkapselkapricen von Barry Heck.

Taittinger gefällt es, seinen Champagner Rosé mit einer kampfesmutigen Reiterfigur auf rosafarbenem Grund zu krönen: erfasst im Dreiviertelprofil, das Visier herunter gelassen, in der Rechten das Schwert. Das Kreuz auf dem Brustpanzer verweist auf Theobald IV., von 1222 bis 1253 König von Navarra. Einer Rebe aus Zypern, die der Kreuzritter mitbrachte, verdankt sich der Chardonnay: Der Champagnerhersteller veredelt anspielungsreich eine seiner Kapseln. Gern nutzt die Branche ikonografische Feinheiten zum Absatz ikonischer Produkte.

Barry Heck appliziert eine solche Kapsel an einem Kuhschädel und kreiert so ein surreales Objekt. Die Taittinger-Kapsel gehört zu den Sammlerstücken des Künstlers, auf dessen Schaffen seine Placomusophilie wesentlichen Einfluss nimmt. Im Zentrum seiner Arbeit mit Objets trouvés stehen von Anfang an Champagnerdeckel. Er sortiert sie nach Farben und Materialbeschaffenheit, studiert ikonografische Besonderheiten. Seit seiner Kindheit fesseln ihn die Kleinteile. Familienmitglieder waren nach dem Zweiten Weltkrieg im Champagnerschmuggel aktiv. Die Kapseln wurden für Heck gesammelt, dienten ihm zunächst als Spielzeug. Inzwischen umfasst seine Kollektion Tausende Exemplare und spiegelt fast 170 Jahre Champagnerkapselgeschichte. International namhaft oder auch von eher regionaler Bedeutung sind die Hersteller, deren Selbstdarstellungsfinessen Heck nachspürt, darunter die Sektmanufaktur Schloss Vaux im Rheingau oder der britische Schaumweinproduzent Nyetimber.

Hecks konzeptuelle Kunst ist eine Kollektivanstrengung: Seit dem Jahr 1982 führen befreundete Künstler und Handwerker seine Ideen aus. 2016 wurde der Großteil der rund 400 Arbeiten bei einem Feuer vernichtet, nur zwei Objekte der Werkreihe thoughts become things entgingen dem Inferno. Die Reihe wurde inzwischen weitergeführt. Eine schwarzgoldene Kapsel aus dem Champagnerhaus Drappier überhöht ironisch die rote Make-America-Great-Again (MAGA)-Cap. Die verfremdete Basecap ist ursprünglich ein Symbol für den Wahlkampf von Donald Trump mit seiner explizit nationalistischen Agenda, wie sie gegenwärtig immer mehr politische Machthaber verfolgen, zuletzt in Italien. Drei nebeneinander angeordnete goldfarbene Sterne, eine goldfarbene Ähre und die Flagge der USA zieren Hecks motivisch überfrachtete MAGA-Cap. Erst in der Aufsicht lässt sie erkennen, dass er 17 Kapseln in Form des Hakenkreuzes anordnet. Beredt sind allein schon die Farben Schwarz-Rot-Gold: Für Heck transportieren seine Kapselapplikationen auf Caps prinzipiell eine politische Botschaft, sie sind Zeit- und Gesinnungskritik. Der Künstler arbeitet doppel- und vieldeutig sowie subversiv. Heck verfremdet Symbole für eine neue Symbolik.

Wie Spielsteine erscheinen die Kapseln in Schwarz und Gold auf der Mao Mütze, bei genauerem Hinsehen erkennt man einen Totenschädel. Auf Stirnhöhe - dort, wo der Mao-Stern anzunehmen wäre - lässt Heck eine Pommery-Kapsel aufnähen. Die olivgrüne Cap wird nobilitiert und ironisiert. Heck verhandelt via Kopfbedeckung China-Kapitalismus und Totalitarismus. Für den Matroschka-Schal verwendet er eine Crémant-Abdeckung. Vorrangig aufgrund ihrer Farben wurden die Kapseln ausgewählt. Sie stellen den Reichsapfel mit Kreuz dar, den der Doppeladler auf der Russland-Flagge des Jahres 1882 hält. Heck verweist auf mehrere Konnotationen. Vier blaurotgoldene Pommery-'Brut Royal'- Kapseln bilden das Kreuz. Heck: „Hier soll die Brutalität der Zaren 'getaggt' werden und die Abhängigkeit von der Kirche, die die russische Regierung und der Geheimdienstapparat bis heute an den Tag legen.“ 'La Cheteau' ist ein Crémant, der in der Namensgebung an das französische 'Le Château' erinnert und ebenfalls als Hinweis auf Machtbesessenheit und -missbrauch, Imperatorengehabe und Prunksucht Putins gelesen werden soll. Der Matroschka-Schal sei Ausdruck dafür, dass Russlands „wahre Gedankenwelt“ nach wie vor tief im 19.Jahrhundert verankert ist, sagt Heck, „auch hinsichtlich des Frauenbildes“.

Der muslimischen Mode, seit einigen Jahren auch im Westen Thema, fügt Heck ein Accessoire hinzu, das von strenggläubigen Muslimen als Ungeheuerlichkeit verstanden werden kann, mag auch unter ihnen vielfach Doppelmoral zu beobachten sein bei der Auslegung ihrer Religion. Ungeachtet des vielerorts strengen Verbotes etwa, trinken auch Muslime (heimlich) Alkohol. Die grünen Kapseln, die Heck mit grünem Faden auf den schwarzen Niquab nähen lässt, könnten schon allein durch die Farbsymbolik als Provokation wahrgenommen werden: dunkles Grün gilt als Farbe des Propheten. Der Koran ist in diesem Farbton gebunden. Ihn auf einem Niquab in Verbindung zu bringen mit Alkohol, das sei ein ungeheurer Frevel und könne gar eine Fatwa auslösen, erfuhr Heck. Bei den Motiven der Kapselabdeckungen, die er für seine fundamentalismuskritische Arbeit ausgewählt hat, handelt es sich um ein Weinblatt neben Trauben und um einen goldenen Löwen. Zwei heraldische Löwen halten das Wappen des Champagnerhauses Veuve Durant: Mit dieser Abdeckung bedeckt Heck vollständig einen Pileolus, die Schädelkappe höher gestellter katholischer Geistlicher. Im Zentrum der Arbeit fällt eine grüne Kapsel mit umlaufendem Schriftzug in lateinischer Sprache auf: Abusus non tollit usum.

Mit Champagnerabdeckungen und Kopfbedeckungen enthüllt Heck, was unter der gesellschaftlichen Oberfläche schäumt, die Machtapparate oftmals unter dem Siedepunkt zu halten suchen. Auch den Clash der Kulturen thematisiert der Künstler anhand von Champagnerkapselkapricen. Heraldik und Herrenmenscheninszenierung hinterfragt er ebenso und arbeitet mit (Wort-)Witz, Ironie, Hintersinn. Indem er die Motive auf Champagner- oder Sektkapseln sowie Wahlsprüche der Hersteller in neue Kontexte überführt, kreiert er ein Narrativ mit Hilfe eines Gegenstandes, der gemeinhin weitgehend unbeachtet bleibt, da er als Teil eines Flaschenverschlusses nur eine Hilfsfunktion erfüllt. In Verbindung mit dem Etikett weist die Kappe das jeweilige Markenprodukt als nobilitiert und teuer aus. Die Kapsel ist Markenbotschafterin, entsprechend phantasievoll sind die Hersteller bei der Gestaltung. Auf der Kapsel lässt sich eine Botschaft unterbringen und Identität beschwören. Heck nutzt das für seine subkutan politische Kunst.

Mit großen Namen wie Louise Bourgeois teilt Bartholomäus ‚Barry’ Heck (*1951), der auf dem elterlichen Landgut in Lorch lebt und arbeitet, das Los, im Kunstbetrieb erst in höherem Alter anzukommen. Seit 2020 geht er Kooperationen mit befreundeten Künstlern ein. Erste Kooperationspartnerin ist die Berliner Künstlerin Isabella Devinast. Kennengelernt haben sich Devinast und Heck in der Corona-Zeit auf der Party eines Pariser Privatsammlers zu Ehren von Andrea Fraser, die jener fördert neben anderen Künstlern mit eigenwilligem Konzept, die den Kunstbetrieb hinterfragen, sabotieren oder unterlaufen. Devinast und Heck entdeckten, dass nicht nur ihre hugenottischen Wurzeln sie verbinden und der Umstand, dass sie beide Autodidakten sind, sondern auch ihr Interesse am Widerständigen.

Das Klima in dem französischen Sammlerhaushalt prägen Komponenten der Rebellion. Gesammelt werden Positionen, die die Selbstreferentialität des Kunstbetriebs verhandeln, Aspekte von Autorschaft, Werksubjektivität und - objektivität umkreisen. Der Genie - und Originalitätsbegriff beschäftigt den Sammler, der etwa die Appropriationskünstlerin Elaine Sturtevant neben Basquiat und weiteren Vertretern der Street Art erwirbt, sowie neuerdings Arbeiten von Paula Pelz oder Barry Heck. Dabei ist Gustave Courbet ein Hausgott. Mit Heck wurden nächtefüllende Gespräche geführt über L'Origine du monde, das Schlüsselwerk, über das sich der Franzose auch mit einer befreundeten Kölner Sammlerin austauscht. Er besitzt Adaptionen und Interpretationen, sie erwarb unlängst einen Objektzyklus von Devinast/Heck, der eine eminent feucht-freche Referenz an das Courbet-Werk darstellt.

Vorfahren des Pariser Sammlerpaares waren bekannt mit dem Comte de Choiseul, in dessen Chalet im Strandbad Deauville 1866 Courbet zu Gast war: der Mann, der es wagte, sich an der Zerstörung der Siegessäule Colonne Vendôme zu beteiligen. Sein Gastgeber versicherte Courbet – wie auch die Malerfreunde Boudin und Monet – selbst dann noch seiner Freundschaft als er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Heck besitzt ein Sensorium für das Heldenmütige. Seine Familienangehörigen, die sich des Schmuggels schuldig gemacht hatten aus blanker Existenznot, vergleicht er mit Jean Valjean: Der Held aus Victor Hugos Roman Les Misérables wird lebenslang von den Behörden verfolgt, weil er einmal einen Laib Brot unrechtmäßig an sich genommen hat. Heck beschäftigen schwerpunktmäßig Themen wie Gerechtigkeit, Grenzgängertum, Übergriffigkeit durch Staatsorgane oder Manipulation durch Religion.

Seine erste Begegnung mit Devinast war denkwürdig. Sie hatten ein Wochenende in dem weltoffenen epikuräischen Sammlerhaushalt im Quartier du Faubourg-du-Roule verbringen können, wo Champagner auch deshalb gern ausgeschenkt wird, weil Genuss und Genießenkönnen als höhere Stufe der Philosophie betrachtet wird, die gewissermaßen prickelnde Introspektion und Wahrhaftigkeit anzuregen und zu befördern vermag. Exceed your vision ist ein Motto, das sich der Hausherr zu eigen gemacht hat. Er erwägt den Ankauf von Stahlplastiken von Devinast – die Kölner Sammlerin platzierte mehrere auf dem Gelände ihres Firmensitzes, wo er die Werkreihe kennenlernte -, für seinen Skulpturenpark . Der charakteristische Positiv-Negativ-Effekt der Cut-out-Skulpturen spricht ihn auf psychologischer Ebene an. Mit Heck war er zunächst nicht auf künstlerischer Ebene zusammengekommen, sondern durch Bekannte. Der Künstler hatte Interesse an einem bestimmten Champagnerkapselmotiv bekundet und war ihm von Kunstsammlern aus der Pfalz, die die Pariser Sammler über Verkostungen kennen und deren Kennerschaft sie schätzen, als interessante Position empfohlen worden.

Heck und Devinast tauschten sich in Paris insbesondere aus über künstliche Intelligenz. Heck zeigte sich begeistert von den Vorläufern des Phänomens: jenen Figuren, die Mary Shelley mit Frankenstein, E.T.A. Hoffmann mit Olimpia oder der Künstler Pygmalion von Zypern, selbst eine Kunstfigur, mit der schönen Galatea geschaffen haben: Ars adeo latet arte sua („So sehr verbirgt sich Kunst in der eigenen Kunst“) heißt es bei Ovid. Devinast, die sich auch Miss Dee nennt, besitzt eine Passion für diesen Themenkreis und die Möglichkeitswelt des Alter Ego. Dass E.T.A. Hoffmann sich Amadeus nannte und dafür seinen dritten Vornamen Wilhelm unterschlagen hat, um wiederum seine Leidenschaft für Mozart zu untermauern, ist für sie ein Quell des Amüsements, das sie über die Epoche der Romantik hinaus fasziniert, der der Dichter angehört. Heck wie Devinast faszinieren geschöpfte Geschöpfe solange sie kein allzu autarkes Eigenleben entwickeln und ihr Treiben kontrollierbar bleibt. Auf den Treppenstufen zum Pantheon, wo sie in der Pandemie eine Victor-Hugo-Ausstellung besuchten, fassten die Künstler den Beschluss zu ihrer ersten Doppelausstellung in Deutschland: Devinast: duet with Heck. Die Galerie Froschke (14. Oktober - bis 11. November 2022) zeigt die kooperativen Werkreihen L’Origine und War Candy. Heck erweitert kontinuierlich den Zyklus seiner Arbeiten zur Selbstdarstellung von Regimen, die mit Hilfe von Symbolen und Pathosformeln manipulative Strategien zum Machterhalt zementieren: thoughts become things. Wem gehört das Land betitelt er ein Projekt, das er im Kontext der Auseinandersetzungen zwischen Israel und Palästina realisieren wird, sobald er Sand und Erde von dort zur Verfügung hat. Über Kunstfreiheit debattiert er auf Latein: Abusus non tollit usum (Missbrauch kompromittiert nicht den Nutzen).

© Dorothee Baer-Bogenschütz, Oktober 2022